Jan Škrob: Gekippt

Wir haben neben Autor*innen auch Übersetzer*innen eingeladen, Arbeiten einzusenden, hier folgt eine Übertragung der Übersetzerin Martina Lisa aus dem Tschechischen:

Jan Škrob: Gekippt

die loyalität zum system begann zu
bröckeln in dem moment wo sich zeigte
dass es kein system gibt
selbstverständlich kann man einer illusion
treue schwören aber du musst an sie wenigsten
ein bisschen glauben das einzige worauf du dich jetzt
verlassen kannst ist zartheit schatten eines greifvogels
im flug andante ich schiebe mich in einen raum hinein
von dem ich nichts weiß reibe mich ein mit sand
hier und hier riss im fluss zyklischer dinge dornen
eingewickelt in feinem leinen

das system sind grafikkurven
und der glitch von nationalflaggen zerplatzte
monitore ich bin jetzt
in allen schatten und bewege mich
zwischen portalen lass die toten ihre toten
begraben wir entledigen uns aller wörter
die vom vertrauen ablenken wir arbeiten
dort wo es sinn macht das lachen wird
zum gebell und umgekehrt ich sage zwar kommune
doch wovon ich rede hat weder feste
grenzen noch ein konkretes territorium es ist
das was passiert andrà tutto bene
galopp feine arbeit mit dolch
ein kräfteverhältnis von dem es noch gestern
hieß es gibt es nicht
es gibt’s nicht dafür aber das andere ich richte mir den kragen
und die maske und wieder laufe ich durch die wand
fast als müsste es jetzt regnen aber es bleibt
bei der vorahnung ich hülle mich in den mantel
ein gewitter zieht auf gelegenheit im regal
bücher auszutauschen an fenstern reiben sich wölfe

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Martina Lisa aus dem Tschechischen mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Martina Lisa lebt als freie Übersetzerin und Dolmetscherin in Leipzig. In der Tschechoslowakei geboren, erfuhr sie ihre Prägung durch das kulturelle Leben der 80er und 90er Jahre in Prag. Sie ist Mitglied im Verband deutschsprachiger Übersetzer*innen und des Verlagskollektivs „hochroth“ Leipzig.

Jan Škrob, 1988 geboren, lebt als Autor und Übersetzer in Prag und gilt als eine der großen literarischen Entdeckungen in der tschechischen Literatur der letzten Jahre. Mit mit „Pod dlažbou“ („Unter dem Pflaster“) beging er 2016 sein literarisches Debüt. Für seinen zweiten Band „Real“ erhielt er 2018 den Dresdner Lyrikpreis. 2020 wird bei hochroth eine Auswahl seiner Gedichte in deutscher Sprache erscheinen.

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